Auf der Bank vorm Seniorenheim der Diakonie in Wuppertal-Cronenberg hat Martin Geiß gerne mit seinem Vater gesessen. Jetzt bleibt der Platz leer, weil sein Vater im Alter von 95 Jahren gestorben ist. „Vorm Tod hatte er keine Angst, aber vor schlimmen Schmerzen“, erzählt Geiß. Vier Tage hat der pensionierte Betriebswirt mit seinen Geschwistern am Bett seines sterbenden Vaters im Seniorenheim verbracht und erlebt, dass er friedlich und ohne Schmerzen sterben konnte – wie er es sich gewünscht und in seiner Patientenverfügung festgelegt hatte.
„Wie das Sterben und die Sterbebegleitung aussehen soll, wird bei uns schon kurz nach der Aufnahme zum Thema gemacht – und nicht erst, wenn ein Bewohner todkrank ist“, erklärt Pflegedienstleiterin Julia Meibörg. „Denn wir möchten, dass die alten Menschen hier – in Würde und liebevoll begleitet – sterben können und nicht ihre letzten Tage im Krankenhaus auf der Intensivstation verbringen.“
Im Heim statt in der Klinik sterben
Studien zufolge sterben knapp 40 Prozent der Menschen im Durchschnittsalter von 87 Jahren in einer Klinik, obwohl der Großteil genau das nicht will. In den acht Seniorenheimen der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal mit ihren rund 800 Bewohner:innen sieht das anders aus. Schon 2012 wurde dort die gesamte Betreuung und Pflege im Sinne einer Hospiz- und Palliativkultur umstrukturiert, so dass heute rund 90 Prozent der Bewohner:innen an ihrem letzten Lebensort Abschied nehmen können.
Was sie sich dafür wünschen, wird meist schon sechs Wochen nach der Aufnahme ins Heim festgelegt. Dabei geht es bereits um die Frage, ob und wann eine Einweisung ins Krankenhaus stattfinden soll. Auch das Thema künstliche Ernährung wird angesprochen. Wenn ein Bewohner todkrank ist und sich selbst nicht mehr äußern kann, findet ein ethisches Fallgespräch mit Angehörigen, dem Hausarzt und dem Pflegepersonal statt.
Ein Notfallplan gibt Sicherheit
Das Ergebnis ist meist ein Notfallplan, der allen Rechtssicherheit gibt. Er schreibt vor, welche Maßnahmen in einer lebensbedrohlichen Krise eingeleitet oder auch unterlassen werden. „Wir wollen die Mitarbeitenden aus der Einzelverantwortung entlassen“, betont Katharina Ruth vom Hospizdienst „Die Pusteblume“. Sie ist mit ihren rund 70 ehrenamtlich Mitarbeitenden in allen acht Seniorenheimen der Diakonie in die Sterbebegleitung eingebunden.
„Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und getragen.“ Und zwar nicht von einem kleinen Expertenteam, sondern dem gesamten Haus. Alle Angestellten, die mindestens auf einer halben Stelle arbeiten, sollen Schulungen in Palliativer Praxis durchlaufen, auch die Haustechnik und die Verwaltung. Seit 2012 werden jährlich mehrere Kurse angeboten. Viele Pflegefachkräfte sind zudem in Palliativpflege ausgebildet.
Ganzheitliche Sterbebegleitung
Sie kümmern sich in enger Abstimmung mit den Ärzten um die medizinische palliative Versorgung. Aber auch Musik, Düfte, Massagen oder das Vorlesen von Texten und Gebeten gehören zur Sterbebegleitung – je nachdem, was die Bewohner:innen sich wünschen oder früher einmal als Wunsch geäußert haben. Häufig erlebe sie, dass die alten Menschen ein letztes Mal eine Cola trinken möchten – wohl in Erinnerung an ihre Jugendzeit, erzählt Julia Meibörg.
„In unseren Altenheimen ist es nicht nur eine Sache der Angehörigen, den Sterbeprozess zu gestalten, sondern eine Gemeinschaftsaufgabe“, betont Katharina Ruth. So sitzen auch Ehrenamtliche des Hospizdienstes oder Mitarbeitende des Sozialdienstes am Sterbebett der alten Menschen.
Raum und Zeit für den Abschied
„Für mich und meine Geschwister war das sehr entlastend“, erzählt Martin Geiß. „Ich wusste, dass mein Vater nicht alleine ist, wenn ich gegangen bin, um mich mal auszuruhen und Kraft zu schöpfen.“ Nachdem sein Vater gestorben war, gab es im Zimmer eine Abschiedsfeier mit der Familie, Pflegekräften, Mitarbeitenden des Hospizdienstes und Bewohner:innen. In einem Kondolenzbuch konnten alle ihre Gedanken und Erinnerungen eintragen.
„Das alles war würdevoll und tröstlich“, sagt Geiß. Wenn er mit seiner Mutter, die auch im Seniorenheim in Cronenberg wohnt, auf der Lieblingsbank seines Vaters sitzt, erinnert er sich gerne daran.
Fotos:
Der Beitrag ist der zweite Teil der diesjährigen Reihe Abschiedskultur in unseren Diensten und Einrichtungen, in der wir im Laufe des Jahres verschiedene Aspekte von Sterbe-, Trauer- und Abschiedsbegleitung in der Diakonischen Altenhilfe vorstellen möchten.
Text und Fotos
Sabine Damaschke
Ansprechperson für Rückfragen
Katharina Ruth
Hospizdienst Pusteblume
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0202/ 4305 124